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Verehrter Klaus Heider, verehrter Herr Oberbürgermeister Till, verehrter Herr Meyer, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde

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Weiß schimmernd ruht das Wort Kunst auf einem länglichen Rechteck, auf das wiederum vier sich verjüngende Flächen zulaufen. Jede der insgesamt fünf Flächen trägt einen anderen Grauwert - vom fast Weiß bis zu einem Dunkelgrau. Eine Linie, genauer eine Gerade rot, dann blau zieht sich von der linken zur rechten Seite der Fassade.

Mit der Wandarbeit „Kunst“ führt der gebürtige Göppinger Klaus Heider das Projekt des Kunstvereins „Kunst im öffentlichen Raum“ fort. „Kunst im öffentlichen Raum“ definiert sich über den inhaltlichen Bezug zum Ort und zu einem Thema des öffentlichen Interesses.

Klaus Heider regt unterschiedliche und differenzierte Impulse mit seiner Wandarbeit an: da ist zum einen der aktuelle Bezug zum Ort - die unlängst angedachte Erweiterung des Kunstraums der Göppinger Kunsthalle, die bis zur rot -blauen Linienführung des Werks in ferner Zukunft reichen könnte. Rot als Farbe erscheint uns nah, während das Blau Ferne suggeriert. Denken wir dabei an die große Tradition der Landschaftsgemälde, die unseren Blick von den warmen nahen Rottönen in die Tiefe zum kühlen Blau führen. In dieser rot - blauen Linie haben wir dieses Wissen abstrakt umgesetzt und inhaltlich mit Zeitnähe und Zukunftsplanung: Thema Kunsthallenerweiterung aufgeladen.

Das Technische Rathaus steht für Stadtbau und Architektur, Heiders Bildgeviert in unterschiedlichen Grauwerten verweist auf Ideen von Räumlichkeit. Die Wand der Südfassade scheint aufgebrochen, Grauwerte bilden eine Flursituation, in deren Bildmitte sinnstiftend die Kunst erstrahlt.

Das Wort Kunst verwandelt sich unter diesem Hinblick in die große Begrifflichkeit Kunst, die sich über Jahrhunderte in Architektur, Malerei und Bildhauerei als Gattungen gliederte.Verschaffen wir uns mit einzelnen Schlüsselbegriffen Zugang zu diesem Werk

Kunst und Licht - Kunst und Raum - Kunst und Illusion

Klaus Heider setzt bedeutungsvoll Werte und Bezüge in seiner Wandarbeit um, die über Jahrhunderte von Künstlern erforscht und erarbeitet wurden. Sein Blick richtet sich aus der Postmoderne - als Wissender, als überlegener Spieler, als Impulsgeber und sinnstiftender Künstler. Nichts überlässt er dem Zufall - Die Wand war sie nicht Grundlage der ersten Malerei in früher Zeit vor dem Tafelbild? Und gerade auf der Wand fanden die ersten großen illusionistischen Arbeiten von Licht und Räumlichkeit in der Antike statt. Die Kunst, die augentrügerisch dem Betrachter ein Spiegelbild der Natur mithilfe von Perspektive, Licht und nuancierter Farbigkeit schuf.

Kunst bedeutete und bedeutet Wissen um Gesetzmäßigkeiten und komplexe Zusammenhänge.

Die Räumlichkeit, die Heider auf die Wand projiziert, ist aber keine lapidar illusionistisch erklärbare. Die zuvor angedachte Flursituation funktioniert nicht. Die umlaufenden Flächen bilden bewusst keinen einheitlichen Raum, denn in ihren Farbstufungen fügen sie sich nicht zusammen. Die Graunuancen stehen für unterschiedliche Beleuchtung, für unterschiedliche Zeit, machen unterschiedliche Geschwindigkeiten der räumlichen Erfahrung vorstellbar. Die unterschiedlichen Grauwerte der zulaufenden Flächen betonen einen Raum, der keine Zeitgleichheit aufweist.

Der Bildraum der Renaissance ist mit dem Auge angenehm durchschaubar. Gesellschaftliche Spannungen und Unsicherheiten haben sich meist im Aufgeben der Zentralperspektive und einer neuen Beleuchtungssituation niedergeschlagen.

Heiders Bildraum beinhaltet sowohl den Hinweis auf das perspektivische Bilden von Räumlichkeit, er macht uns durch die unterschiedlichen Grauwerte aber aufmerksam, dass es ein neuer, nicht mit alten Regeln zu beschreitender Raum ist. Durch die Farbnuancen wird Geschwindigkeit, dadurch Zeit mit in sein Raumkonzept genommen. Raum, Zeit, Licht sind für uns alltäglich, individuell unterschiedlich erfahrbar. Klaus Heider führt in abstrakter Form die Möglichkeit von gleichzeitig Ungleichzeitigem vor. Als Betrachter bietet sich für uns die Möglichkeit gleichzeitig unterschiedliche Raumdurchschreitungen - also Ungleichzeitiges - zu sehen. Es ist ein neuer Bildraum, den uns Klaus Heider vorstellbar macht, eine neue illusionierte Räumlichkeit.

Kunst als Licht - Kunst als Idee

Inmitten dieses neu entworfenen Raums, ruht das Wort Kunst. Wohl austariert schimmert es auf heller Fläche. Zentral positioniert steht das Wort Kunst und ist zum einen plastische Leuchtschrift, zum anderen aber großer Begriff: Kunst. Kunst als Konzept. Kunst als Idee. Leuchtschrift, die uns grell aus der Welt des Konsums vertraut ist, beleuchtet hier zart schimmernd nicht schnell Konsumierbares.

Die Verbindung von Kunst und Licht ist seit Jahrhunderten eine umfassende. So verhilft beispielsweise das Licht, das durch das gotische Glasfenster fällt, zu größter Immaterialität und streift jede Erdschwere ab. Nur Schein, nicht mehr greifbar, bilden sich bunte, unfassbare Malereien. So kann die Verbindung von Licht und Kunst den Menschen in eine Welt des Unfassbaren und Transzendenten versetzen. Durch das Licht erkennt der Mensch, wird ihm Erkenntnis zuteil. Die Verbindung von Kunst und Licht kann herkömmliche Erfahrungen übersteigen. In Heiders Wandarbeit wird Kunst selbst zum Lichtträger.

Und noch weiter fragen wir: Was bedeutet hier das Wort Kunst? Zeichen, Wort, Begriff, Licht - Kunst ist die allumfassende Idee, das Konzept, der Gedanke - und dabei wieder Wort….

Physikalische Dimensionen: Kunst und Zeit

Es ist geradezu ein Kennzeichen von Klaus Heiders Kunst die unterschiedlichsten Disziplinen mit einzubeziehen und kosmographische Bildwelten entstehen zu lassen. Rot und Blau wird eine Strecke parallel zum Horizont gezogen: Nähe und Ferne, Wärme und Kälte, Niederfrequenz und Hochfrequenz. Raum, Zeit und Licht als physikalische Dimensionen, die jedoch nur über die Kunst erfahrbar werden

Klaus Heider tritt leise, aber sicher auf - seine Arbeiten belohnen mit nachhaltiger Eindringlichkeit. Der Künstler - heute in Bad Boll und Cima/Italien lebend - ist uns allen bekannt. Seine Erkundungen im Zwischenreich vieler Disziplinen öffnen unseren Blick.

Verehrter Klaus Heider, ich möchte Ihnen ganz herzlich - im Namen des Kunstvereins Göppingen - für dieses Werk danken.

Mein Dank geht auch insbesondere an Anita Jaumann, die mit größtem Engagement diese Arbeit betreut und über Jahre mit ganzer Seele die Aufgaben des Kunstvereins erfüllt hat. Danke auch an den Herrn Oberbürgermeister Till, der Stadt Göppingen, insbesondere dem Technischen Rathaus für alle Hilfestellungen, die gegeben worden sind. Den Firmen Keim, Scheurer, Reiss und Saurer, die für das gelungene Zustandekommen für das Kunstwerk verantwortlich waren. Mein persönlicher Dank geht an Herrn Meyer und dem gesamten Team der Kunsthalle Göppingen, an Wolfgang Schuholz, der sich um die heutige technische Anlage kümmert.
Allen Zuhörern danke ich für die Aufmerksamkeit und ich möchte Sie alle herzlich einladen zur Unterzeichnung des Schenkungsvertrages zwischen Klaus Heider und Herrn Oberbürgermeister Till in der Kunsthalle.